TAKAHASHI Nobuyuki

Das Haiku heute und seine Kriterien

Anläßlich der Buchmesse in Frankfurt vor einem Jahr wurde "Das japanische Jahr der 42.Frankfurter Buchmesse" veranstaltet. Als ein Teil des Japanischen Jahres gab es vom 5.bis 7.Oktober ein erfolgreiches Deutsch-Japanisches "Haiku" Dichter-Treffen.

Auf dem weißen Blatt
- verschmiert - der Motte Leben
ein Silberstreifen
Margret Buerschaper

kami shiroshi yoga no inochi wa gin no shima (Japanisch)
Übersetzung(1): Karlheinz Walzock

hakushi ni chiri-shiita ga no inochi gin no shima (Japanisch)
Übersetzung(2): Sono Uchida

gin no shima hakushi ni nokoru ga no inochi (Japanisch)
Übersetzung(3): Tadao Araki

shiroi kami ni nuri takurare ga no inochi wa gin no shima(Japanisch)
Übersetzung(4): Nobuyuki Takahashi

Dieses Haiku wurde beim Deutsch-Japanischen "Haiku" Dichter-Treffen lobend empfohlen und man könnte sagen, daß es ein besonderes Niveau des Haiku zeigt, zumal die Autorin die Präsidentin der Deutschen Haiku-Gesellschaft ist.
Mit dem 5-7-5-Silben-Rythmus, der Gedichtform des Haiku, ist dieser Vers aus nur 3 Zeilen gut aufgebaut. Meistens halten sich Haiku in Deutschland fest an diese Form, aber in starkem Kontrast dazu legen Haiku in den U.S.A. nicht so viel wert auf Förmlichkeiten. Beim Haiku-Schreiben oder bei der Interpretation sind kigo(Jahreszeitenwort) und kidai(Jahreszeitenthema) nicht so wichtige Aufgaben für Haiku-Dichter in Deutschland, weil es da keinen Jahreszeitenwort-Kanon (saijiki) gibt. Statt dessen zeigt man großes Interesse daran, wie Autoren die Dinge der Natur und der Landschaft begreifen. Die "Motte" im Haiku von Buerschaper funktioniert nicht als Jahreszeitenwort oder Jahreszeitenthema, sondern es ist das Thema dieses Haiku, was für eine Beziehung die Autorin zur Natur hat. Man könnte dann sagen, daß es dieses Thema genaugenommen in der "Motte" gibt.
Die Güte dieses Haiku liegt darin, so glaube ich, daß die Autorin sich hier der metaphorischen Ausdrucksweise von "der Motte Leben" und dem "Silberstreifen" bedient hat. Diese Ausdrucksweise aber gibt es im japanischen Haiku eigentlich nicht. Die Metaphorik in diesem Vers hat sie aus der traditionellen europäischen Lyrik ernommen. Wir können sie auch in den Gedichten von Goethe und Rilke oft finden. Es ist sehr interessant, vier japanische Übersetzungen von diesem Haiku zu vergleichen. Sie sind von Karlheinz Walzock, Sono Uchida, Tadao Araki und mirselbst veröffentlicht, und jeder Übersetzer hat seine eigene Meinung zu der Haiku-Dichtung.

Kühl ist es hier: im
alten Kreuzgang bricht mein Schritt
in die Stille ein.
Annelore Stamm

kairo suzushi waga ashioto no seijaku o yaburi sono naka e (Japanisch)
Übersetzung: Nobuyuki Takahashi

Das Haiku einer kurzen Sommerreise. Auf einer Reise tritt die Verfasserin in den Kreuzgang eines Tempels. Hier erholt sie von der Hitze des Sommers und auch vom Lärm des Alltags. "Kühl" und "Stille" sind in ihr zusammen. Daraus können wir den Gemütszustand oder die geistige Haltung der Verfasserin ablesen. Schön ist auch der Kontrast von "Schritt" und "Stille" Er läßt den Klang der Schritte in der Stille noch mehr auffallen. Dieses schöne Haiku steht im HAIKU INTERNATIONAL Nr.1, dem Organblatt der Gesellschaft für internationalen HaikuAustausch in Tokyo, die am 5.Oktober 1990 zusammen mit der Deutschen Haiku-Gesellschaft ein Deutsch-Japanisches "Haiku" Dichter-Treffen veranstaltete.
1964, im Jahr der Olympischen Spiele in Tokyo, veranstaltete JAL(Japan Air Lines)einen Haikuwettbewerb in den U.S.A. Man kann vermuten, daß Haiku aus diesem Anlaß im Ausland populär wurden. Bei diesem Wettbewerb wurden 41,000 Gedichte aus ganz Amerika eingesendet.
Zum ersten Mal habe ich 1966 Beziehung zu internationalen Haiku gehabt. 1968 habe ich "HAIKU SPOTLIGHT" herausgegeben und darin die Haiku aus aller Welt veröffentlicht. Seitdem habe ich weiter Verbindung mit Haiku-Dichtern in der ganzen Welt und gebe jetzt SUIEN heraus. In dieser Haiku-Zeitschrift bringe ich die Haiku in Deutsch und ich habe schon 25 Jahre lang Haiku in Deutsch und Englisch ausgewählt.

Ins goldne Kornfeld
frißt sich die Mähmaschine
Streifen um Streifen.
Annelore Stamm

uremugi o kariki no hameru suji mata suji (Japanisch)
Übersetzung: Nobuyuki Takahashi

Dieses Haiku, das in SUIEN erschien, betrachte ich als ein sehr schönes Haiku.Es stellt sich aber die schwierige Frage, was das Kriterium für dieses Urteil ist. Eigentlich sollte dieses ganz objektiv sein, aber ich glaube, meine Haiku-Auswahl ist immer subjektiv nach meinem Geschmack. Also habe ich kein Kriterium im strengen Sinne. Trotzdem will ich hier versuchen, meine Wahlkriterien zu erklären.

Wildgänse ziehen-
durch vergitterte Fenster
blickt ein alter Mönch.
Imma von Bodmershof

kari wataru koshido goshi ni roso wa (Japanisch)
Übersetzung: Nobuyuki Takahashi

Im "großen Buch der Haiku-Dichtung" von Carl Heinz Kurz kann man dieses Haikulesen, das ich schon vor 23 Jahren in der kanadischen Haiku-Zeitschrift, herausgegeben von Eric W.Amann, gefunden habe. Sein Gutes liegt darin, daß es auf Deutsch im 5-7-5-Silben-Rhythmus geschrieben ist. "Wildgänse ziehen" ist sehr gut als der deutsche Jahreszeitenausdruck dieses Haiku zu verstehen. Um diesen Vers noch tiefer zu verstehen, können wir ihn mit dem folgenden Haiku(Haikai) von Rainer Maria Rilke(1875-1926) vergleichen.

Kleine Motten taumeln schauernd quer aus dem Buchs;
sie sterben heute Abend und werden nie wissen,
daß es nicht Frühling war.

tsuge kara deru ga no yoromeki tsutsu
kono yo iki tae shiru kotomo nakaro
haru de nakatta no o (Japanisch)
Übersetzung: Nobuyuki Takahashi

Dieses Haiku ist zu lang. Ganz im Gegenteil ist aber das von Bodmershof mit dem 5-7-5-Silben-Rythmus zu kurz. Für das japanische wie auch für das deutsche Haiku ist diese Kürze ja ganz sicher sein Hauptpunkt.

Blatt um Blatt fällt ab,
doch der Baum steht aufrecht da.
Er wartet getrost.
Johanna Jonas-Lichtenwallner

Blatt um Blatt
fällt ab, doch der Baum
steht aufrecht da.
Bearbeitung: Nobuyuki Takahashi

Ha o otosu sonoki ga soko ni masugu tatsu (Japanisch)
Übersetzung:Nobuyuki Takahashi

Das Original dieses Haiku hält sich an den 5-7-5-Silben-Rhythmus, aber die letzte Zeile: Er wartet getrost, ist explikativ. Sie scheint vom Wesen des Dinges etwas abzuweichen. Wenn man diese Zeile wegstreicht und bearbeitet, wird das ein treffsicherer Stil und mit diesem Haiku kann man sich dem Wesen des Dinges an sich annähern. Weil Haiku sehr "kurz" sind, gibt es keinen Platz für eine Erklärung oder für Lyrisches. Deshalb kann man sich dem Wesen des Dinges ansich besser nähern. Das Wesen des Dinges an sich zu finden ist ein Ziel der modernen Lyrik, das von R.M.Rilke und S.George herausgearbeitet wurde. Das ist auch die Richtung des Haiku.

In ein Buch bin ich vertieft,
vor den Augen schwebt mir der dichte
Nebel meines Heimatlandes.
Karlheinz Walzock

sho ni fukeri kokoku no kiri no kosa ukabu (Japanisch)

Dieses Haiku wurde verfaßt, während der Autor in Matsuyama war. Er hat das Haiku zuerst auf Japanisch gemacht und das Deutsch ein bißchen explikativ. Es ist nicht so scharfsinnig, aber danach sollte man nicht fragen, weil der Autor überzeugt ist, daß die Form des Haiku sekundär ist. Die Güte dieses Haiku ist weniger der Inhalt oder die Form, sondern vielmehr der Gemütszustand und die geistige Haltung des Verfassers.
Dies zeigt sich auch in der Sprache der nachfolgenden Haiku, und es gilt sogar für Übersetzungen:

Nach der Mutter Tod
ist Vieles still geworden.
Schneller Erdenlauf.
Günther Klinge

haha yukite tachimachi aki to narinikeri (Japanisch)
Übersetzung: Keiji Kato

Die Möwe segelt
tief über den kalten Fluß
ihrem Schatten nach.
Richard W.Heinrich

fuyu kamome kawamo ni onoga kage oeri (Japanisch)
Übersetzung: Kodoh Kai

Das Korn steht reif. Es
regnet unablässig seit
dem Morgengrauen.
Gerda Kirmse

mugi urete reimei kara ame furi shikiru (Japanisch)
Übersetzung: Karlheinz Walzock

Unter dem Bogen
des Viadukts bete ich.
Halme beten mit ...
Lia Frank

rikkyo no ko no shita ware mo kusa mo inoru (Japanisch)
Übersetzung: Masako Takahashi

In der Dämmerung
leise Schnee zur Erde fällt
--s raunt die Tanne.
Olga L.Lemerz

tasogare no shizukana yuki ni momi ga sasayaku (Japanisch)
Übersetzung: Rudolf Reinelt

Eidechsen sonnen
sich. Mein Schritt scheucht sie über
die Weinbergmauer.
Gerda Kirmse

tokage hi ni sarasare budo yama e nigeru (Japanisch)
Übersetzung: Nobuyuki Takahashi

Steh vor dem Abgrund--
ein Regenbogen allein
wölbt sich darüber.
Imma von Bodmershof

fuchi ni tachi oreba niji nomi ko o egaki (Japanisch)
Übersetzung: Nobuyuki Takahashi

Verlassene Alm
der Landstreicher hält die Hand
in den Viehbrunnen.
Mario Fitterer

suterareshi yama no bokuso-chi
horosha ga
kachiku no izumi ni te o tsukeru (Japanisch)
Übersetzung: Takaaki Mori

S isch lang summer gsi
d wackes strecke d truckeni
bickel us em bach
Wendelinus Wurth

es war lange sommer
die steine strecken die trockenen
rücken aus dem bach
Übersetzung: Wendelinus Wurth

it's been a long summer
the rocks stretch their dry
backs out of the water
Übersetzung: Wendelinus Wurth

nagaki hi no iwa no senaka ga kawa ni neru (Japanisch)
Übersetzung: Koichi Uwagawa

Frau Takahashi und die Herren Kai, Kato, Mori, Reinelt, Uwagawa, Walzock und ich haben diese Verse ins Japanische übersetzt. Ein gutes deutsches Haiku ist auch auf Japanisch gut. Deshalb ist dies ebenfalls eines meiner Kriterien der Haiku-Wahl. Herr Wendelinus Wurth schreibt seine Haiku auf Alemannisch.



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